Gewitter: Fehler, Mythen, Maßnahmen

Was bei Blitz und Donner wirklich schützt, welche Irrtümer gefährlich sind und wie du dich im Ernstfall richtig verhältst.

Über die Jahre haben sich unzählige Verhaltensregeln bei Gewitter angesammelt.
Quelle: IMAGO / Funke Foto Services

Sobald der Himmel dunkel wird und der erste Donner grollt, ziehen die meisten von uns den Kopf ein. Gewitter sind beeindruckend, aber sie machen uns auch nervös. Über die Jahre haben sich unzählige Verhaltensregeln angesammelt, die wir ungefragt von unseren Eltern übernommen haben. Aber welche davon stimmen eigentlich wirklich und was ist gefährlicher Unfug? In diesem Artikel räumen wir mit den bekanntesten Mythen auf und zeigen, wie du dich bei Blitz und Donner im Alltag richtig verhältst und welche Fehler sich bei dem ein oder anderem eingeschlichen haben. 

„Eichen sollst du weichen, Buchen sollst du suchen“

Der Blitz sucht sich immer den kürzesten Weg zum Boden.
Quelle: IMAGO / Ardea

Diesen Spruch hat wahrscheinlich fast jeder schon einmal gehört. Er klingt zwar griffig, ist aber schlichtweg falsch und im Ernstfall gefährlich. Blitze interessieren sich nämlich nicht für die Baumart.

Die Idee kommt daher, dass Buchen eine sehr glatte Rinde haben. Wenn es stark regnet, läuft das Wasser wie ein Film an der Außenseite des Stammes herab. Man glaubte, dass ein Einschlag so oft unauffällig nach unten abgeleitet wird. Eichen hingegen haben eine rissige Borke. Der Blitz dringt eher in den Stamm ein, bringt den Saft dort schlagartig zum Kochen und den Baum zum Splittern.

Die Realität ist aber, dass der Blitz sich immer den kürzesten Weg zum Boden sucht – und das ist das höchste Objekt in der Umgebung. Ein freistehender Baum, egal welcher Art, wirkt wie ein natürlicher Blitzableiter. Wer darunter Schutz sucht, riskiert, vom Blitz getroffen oder von herabstürzenden Ästen verletzt zu werden.

Schlägt ein Blitz nie zweimal am selben Ort ein?

Die Physik eines Blitzes hat kein Gedächtnis.
Quelle: IMAGO / UPI Photo

Das ist ein klassischer Trugschluss, der wahrscheinlich eher beruhigen soll, als auf Fakten zu basieren. Die Physik dahinter hat allerdings kein Gedächtnis.

Ein Blitz schlägt dort ein, wo die Bedingungen am besten sind – das heißt vor allem an hohen, exponierten Stellen. Wenn ein Ort einmal getroffen wurde, ist er beim nächsten Gewitter theoretisch genauso gefährdet.

Das beste Beispiel ist das Empire State Building in New York. Der Wolkenkratzer wird im Schnitt 25-mal im Jahr vom Blitz getroffen, manchmal sogar mehrmals während eines einzigen Unwetters. Wenn es in Ihrer Nähe einschlägt, bedeutet das also keineswegs, dass dieser Bereich für den Rest des Tages sicher ist.

Duschen und Baden bei Gewitter: Gefährlich oder harmlos?

Ist Duschen und Baden bei Gewitter bedenklich?
Quelle: IMAGO / Bihlmayerfotografie, IMAGO / Einsatz-Report24

Hier kommt es ganz darauf an, wie alt das Gebäude ist, in dem du dich befindest. In Altbauten (meist gebaut vor den 1980er-Jahren) fehlt oft ein durchgängiger Blitzschutz. Schlägt ein Blitz ins Haus oder die Leitungen ein, kann der Strom über die metallischen Wasserrohre direkt in die Dusche geleitet werden – und das ist lebensgefährlich.

In modernen Häusern sind Wasserleitungen zwar ebenfalls oft aus Metall (wie Kupfer oder Edelstahl), das Risiko beim Duschen ist trotzdem praktisch null.

Der Grund dafür ist der gesetzlich vorgeschriebene Hauptpotenzialausgleich. Dabei werden alle metallischen Systeme im Haus – von den Wasserrohren über die Heizung bis hin zur Duschwanne – direkt mit der Erde verbunden.

Schlägt ein Blitz ein, sorgt dieses Schutzsystem dafür, dass kein gefährlicher Spannungsunterschied entsteht und der Strom sofort harmlos in den Boden abgeleitet wird, statt durch deinen Körper zu fließen. Wer das Alter der Hausinstallation nicht kennt, wartet im Zweifel einfach kurz, bis das Gewitter abgezogen ist.

Lesetipp: Die Dinge solltest du niemals unter der Dusche tun

Muss man wirklich alle Stecker ziehen?

Bei einem Gewitter sollte man alle Stecker ziehen!
Quelle: IMAGO / Michael Gstettenbauer, IMAGO / Niehoff

Viele glauben, dass die normale Haushaltsicherung im Stromkasten ausreicht, um die Geräte im Haus vor Gewitterschäden zu schützen. Das ist leider ein Irrtum. Die Sicherungen sind viel zu träge, um die enorme Spannung eines Blitzes aufzuhalten.

Wenn ein Blitz in der Nähe ins Stromnetz einschlägt, jagt eine Überspannungswelle durch die Leitungen. Diese grillt empfindliche Elektronik wie Fernseher, Router oder Spielekonsolen im Bruchteil einer Sekunde.

Sofern du keinen professionellen, mehrstufigen Überspannungsschutz direkt im Sicherungskasten installiert hast, hilft tatsächlich nur eins: Stecker ziehen. Und zwar nicht nur das Stromkabel, sondern auch das Internet- und Antennenkabel.

Vorsicht bei Mehrfachsteckdosen: Viele wiegen sich in Sicherheit, weil sie eine Steckdosenleiste mit einem roten Ausschalter haben. Doch den Schalter einfach nur auf „Aus“ zu stellen, reicht bei einem Blitzeinschlag nicht.

Der Abstand zwischen den Kontakten im Schalter beträgt im Inneren meist nur wenige Millimeter. Für die enorme Spannung eines Blitzes ist diese winzige Lücke kein Hindernis – der Strom springt einfach als kleiner Lichtbogen über den Schalter und grillt deine Geräte trotzdem. Wirklich sicher bist du also nur, wenn der Stecker komplett aus der Wand gezogen ist.

Darf das Fenster bei Gewitter offen bleiben?

Die Angst, dass Zugluft Blitze ins Haus zieht, ist weit verbreitet.
Quelle: IMAGO / Pond5 Images

Die Angst, dass Zugluft Blitze ins Haus zieht, ist weit verbreitet. Physikalisch gesehen ist das allerdings unmöglich. Ein Blitz lässt sich von einem Windzug nicht ablenken, sondern folgt den elektrischen Ladungen in der Luft.

Trotzdem solltest du die Fenster schließen. Gewitter bringen oft plötzliche Sturmböen und Starkregen mit sich, die schnell zu Wasserschäden oder beschädigten Fenstern führen können. Zudem besteht bei einem Naheinschlag immer das Risiko, dass Funken oder heiße Glut ins Zimmer geweht werden. Das Schließen der Fenster ist also reiner Pragmatismus, kein Schutz vor „magisch angezogenen“ Blitzen.

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Wie sicher ist der Faradaysche Käfig heutzutage?

Dass das Auto bei Gewitter einer der sichersten Orte überhaupt ist, stimmt tatsächlich, aber...
Quelle: IMAGO / Jahnke

Dass das Auto bei Gewitter einer der sichersten Orte überhaupt ist, stimmt tatsächlich. Das Prinzip dahinter nennt sich „Faradayscher Käfig“.

Die geschlossene Metallkarosserie leitet die elektrische Energie eines Einschlags einfach außen herum und gibt sie über die Reifen in den Boden ab. Der Innenraum bleibt dabei völlig stromfrei.

Zwei Dinge sollte man jedoch beachten! 

Kunststoff-Fahrzeuge: Wohnmobile mit Aufbauten aus reinem Kunststoff (GFK) ohne Metallrahmen bieten diesen Schutz oft nicht.
Verhalten im Inneren: Schließe alle Fenster und berühre während des Gewitters keine blanken Metallteile im Cockpit, die direkt mit der Karosserie verbunden sind.

Lesetipp: Was passiert, wenn ein Flugzeug vom Blitz getroffen wird?

Was tun, wenn kein Unterschlupf in Sicht ist?

So verhählst du dich bei Blitzeinschlägen.
Quelle: IMAGO / Dreamstime

Wer auf freiem Feld von einem Gewitter überrascht wird, muss schnell reagieren. Die schlechteste Option ist es, sich flach auf den Boden zu legen. Schlägt ein Blitz in der Nähe ein, breitet sich der Strom kreisförmig im Boden aus. Liegst du flach da, bietet dein Körper eine große Angriffsfläche, und der Strom fließt komplett durch dich hindurch.

Gehe stattdessen in die sogenannte Blitzhocke:

  • Suche dir eine tiefer gelegene Stelle (Kuhle oder Senke), wenn möglich.
  • Stelle deine Füße so eng wie möglich aneinander.
  • Gehe in die Hocke und mach dich so klein wie möglich.
  • Durch die geschlossenen Füße verhinderst du die sogenannte Schrittspannung. Der Strom kann so nicht durch Ihren Körper fließen, weil es keinen Ein- und Austrittspunkt über getrennte Füße gibt.

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Wann ist das Gewitter wirklich vorbei?

Ab wann kann man wieder vor die Tür gehen?
Quelle: IMAGO / Manngold

Der Regen lässt nach, der Himmel hellt auf – und wir neigen dazu, sofort wieder rauszugehen. Doch genau hier lauern die meisten Unfälle durch Blitze, die kilometerweit vor oder nach der eigentlichen Regenfront einschlagen.

Verlassen dich dabei nicht blind auf Wetter-Apps, da diese nur Regen und keine elektrischen Ladungen anzeigen. Nutze stattdessen die 30-30-Regel: Vergehen zwischen Blitz und Donner weniger als 30 Sekunden, ist das Gewitter gefährlich nah und du solltest sofort Schutz suchen. Erst wenn der allerletzte Donner mindestens 30 Minuten her ist, ist die Luft elektrisch wieder rein und du bist im Freien wirklich sicher.

Das physikalische Überlebenswunder und seine Spuren

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Was passiert eigentlich im Körper, wenn man direkt oder indirekt vom Blitz getroffen wird? Die wichtigste Nachricht vorweg: Ein Blitzschlag ist kein automatisches Todesurteil. Rund 90 % der Betroffenen überleben das Unglück.

Das liegt am sogenannten Flashover-Effekt: Da ein Blitz seine Energie in einem winzigen Bruchteil einer Sekunde entlädt und die Haut meist durch Schweiß oder Regen feucht ist, fließt der Großteil des Stroms blitzschnell außen über die Haut ab. Die lebenswichtigen inneren Organe wie das Herz werden dadurch oft umgangen.

Manchmal hinterlässt dieser heftige Stromfluss auf der Haut rote, farnartige Muster – die sogenannten Lichtenberg-Figuren. Sie sind keine Verbrennungen im klassischen Sinn. Der immense elektrische Druck presst rote Blutkörperchen aus den feinsten Gefäßen in die Haut. Diese schmerzlosen Muster verblassen meist nach 24 bis 48 Stunden komplett.

Dennoch ist ein Blitzschlag kein harmloser Streifschuss. Spätfolgen wie Hörschäden durch den Knall, Nervenverletzungen oder Herzrhythmusstörungen sind häufig. Schnelle Erste Hilfe durch Wiederbelebung rettet hier Leben – und keine Sorge: Der Körper des Opfers steht danach nicht unter Strom.

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