Dieser Junge überlebte seine eigene Abtreibung

Heute ist er erwachsen

Dieser Junge überlebte seine eigene Abtreibung

Die Entscheidung einer Mutter brachte die gesamte Gesellschaft zum Diskutieren: Bis wann darf man ungeborene Baby abtreiben dürfen? Und darf die Behinderung des Kindes die Entscheidung beeinflussen?

Es war der 5. Juli 1997, als eine werdende Mutter in der Städtischen Frauenklinik in Oldenburg eine Diagnose erhielt und daraufhin diese schwere Entscheidung fällte. 

Auf den nächsten Seiten erfahrt ihr, was passiert ist!

Im sechsten Schwangerschaftsmonat erfuhr sie von ihrem Arzt, dass ihr Sohn ein Down-Syndrom haben würde. Sie hatte bereits ein gesundes Kind sowie eine Fehlgeburt hinter sich. Ein behindertes Kind mit Down-Syndrom kam für die werdende Mutter nicht in Frage. Also wollte sie abtreiben.

Doch da gab es ein Problem: Denn in Deutschland dürfen Schwangerschaftsabbrüche nach der 14. Woche nicht mehr allein wegen der Behinderung des Fötus vorgenommen werden. Die Schwangerschaft kann nur abgebrochen werden, wenn eine gesundheitlich Beeinträchtigung der Mutter vorliegt. 

Aber sie fand dennoch einen Weg, um abtreiben zu dürfen...

Die werdende Mutter drohte, sich das Leben zu nehmen, wenn die Schwangerschaft nicht abgebrochen werde. Diese Suiziddrohungen ermöglichten es rechtlich, eine Abtreibung auch noch im sechsten Monat vorzunehmen.

Im Jahre 2014 gab es in Deutschland 584 Abtreibungen, davon größtenteils Babys mit Down-Syndrom. Neun von Zehn Babys, die während der Schwangerschaft mit diesem Syndrom diagnostiziert werden, werden abgetrieben. 

Einer davon sollte auch dieses Kind sein. Doch er überlebte...

Bei einem Schwangerschaftsabbruch nach der 14. Woche müssen die betroffenen Mütter das Kind mit einem künstlich eingeleiteten Geburtsvorgang selbst zur Welt bringen. Vorher wird jedoch das Kind im Mutterleib bereits mit der Injektion von Kalium-Chlorid getötet. In diesem Fall wurde diese Spritze nicht verabreicht, da der behandelnde Arzt dachte, dass der Fötus durch die Folgen des Geburtsvorgangs und durch das für das Baby giftige Wehenmittel sterben würde. 

Bei seiner Geburt wog der Junge 690 Gramm und war 32 Zentimeter groß. Seine Mutter wollte ihn nicht sehen. Er wurde von den Krankenschwester in Tüchern eingewickelt und in das Dienstzimmer gelegt; sie waren der Annahme, dass er in ein bis zwei Stunden sterben würde. Doch nach Schichtwechsel, neun Stunden nach der Geburt, war das Baby immer noch am Leben.

Was dann geschah, erfahrt ihr hier!

Sein Vater beschloss, lebenserhaltende Maßnahmen einzuleiten und nannte seinen Sohn Tim. Er wurde direkt in die Intensivstation gebracht und musste dort monatelang versorgt werden. Da er neun Stunden lang nicht versorgt wurde, war Tim unterkühlt und sehr schwach. Die Ärzte gaben ihm nicht lange zu leben. 

Doch Tim hatte Glück. Denn Familie Guido mit Simone und Bernhard Guido und zwei Kindern wollte ein Pflegekind aufnehmen. Sie wollten nach zwei Söhnen eigentlich ein Mädchen haben, das nicht behindert ist. Doch das Jugendamt rief an und fragte, ob sie sich nicht mal Tim anschauen wollten. Um ihr Gewissen zu beruhigen, wagten Simone und Bernhard also einen kurzen Besuch im Krankenhaus.

Und dort verliebten sie sich in ihn!

"Es war Liebe auf den ersten Blick!", sagt Simone Guido. Als sie in seine Augen sahen, wussten sie, dass Tim der Richtige für sie ist und sie fühlten, dass auch Tim sie als seine zukünftigen Eltern auserwählt hat. Also nahmen sie den Kleinen bei sich auf.

Doch es war für die Familie keine leichte Zeit. Die Ärzte gaben Tim nur ein Jahr zu leben. Er musste unzählige Male operiert werden, hatte Lungenentzündungen und viele andere Krankheiten. Aber er kämpfte weiter und seine neue Familie mit ihm. Heute ist er 21 Jahre alt. 

Seht hier, wie es ihm heute geht!

Dieser Junge überlebte seine eigene Abtreibung

Tims leibliche Mutter hat die Ereignisse im Oldenburger Krankenhaus nicht verkraftet und verklagte den Arzt. Dieser musste ihr 13.000€ Schmerzensgeld zahlen. Sie lernte ihren Sohn nie kennen. 

Sein leiblicher Vater jedoch besuchte die Guidos bis zum Tod seiner Frau vor einigen Jahren regelmäßig. 

Simone und Bernhard Guido veröffentlichen ein Buch über das Leben ihres Sohnes. In "Tim lebt!" erzählen sie von den Höhen und Tiefen ihres Familienlebens, wie sich Tim durch endlose Krankheiten und Operationen durchgekämpft hat und wieso ein Leben mit Down-Syndrom dennoch lebenswert ist.

"Als 'Oldenburger Baby' hat er Medizingeschichte geschrieben und wurde zum Symbol einer Debatte um späte Schwangerschaftsabbrüche und ihre rechtlichen und ethischen Konsequenzen. Aber dieses Buch ist kein Buch gegen Abtreibung - sondern ein Buch für das Leben. Es ist unser Geschenk zu Tims 18. Geburtstag."